Interview: Lithium statt Blei?
Warum sich immer mehr Unternehmen für den Technologiewechsel entscheiden.
Bleibatterien sind in der Intralogistik seit Jahrzehnten der Standard. Trotzdem fragen immer mehr Betriebe bei uns nach, ob sich der Umstieg auf Lithium für ihre Stapler und Flurförderzeuge lohnt. Simon Holdschick ist bei uns Vertriebsmanager Lithium und begleitet Kunden bei genau dieser Entscheidung. Im Interview erklärt er, warum sich die Rechnung in den letzten Jahren verändert hat, was an der Sorge vor Bränden dran ist und worauf es bei der Auslegung ankommt.
Simon, viele Unternehmen arbeiten seit Jahrzehnten erfolgreich mit Bleibatterien. Warum beschäftigen sich gerade jetzt so viele mit Lithium?
Vor allem, weil die Preise deutlich gesunken sind. Vor drei, vier Jahren hat eine Lithium-Batterie mindestens das Fünffache einer vergleichbaren Bleibatterie gekostet. Heute liegen wir je nach Batterie eher beim Faktor 2 bis 3. Gleichzeitig hält sie länger. Bei Blei rechnen wir mit 6.000 bis 7.000 Betriebsstunden, bei Lithium mit über 10.000, eher Richtung 15.000. In der Praxis halten die Batterien sogar länger, als die Hersteller anfangs angegeben haben. Rechnet man im Mehrschichtbetrieb das Zwischenladen dazu, ist Lithium heute meistens gleichauf mit Blei oder sogar günstiger.
Viele verbinden Lithium sofort mit Brandgefahr. Wie ordnest du das ein?
Das Thema kommt stark aus der Diskussion um E-Autos. Richtig ist: Brennt eine Lithium-Batterie, ist sie schwer zu löschen. Aber bis es so weit kommt, muss vorher einiges schiefgegangen sein. Wer mit dem Stapler versehentlich gegen die Wand fährt, löst keinen Brand aus. Dazu müsste man die Batterie schon mit der Gabelzinke durchstoßen. Dass eine Lithium-Batterie aus dem Nichts heraus brennt, haben wir noch nie erlebt.
Wichtiger sind die Pflichten, über die kaum jemand spricht. Ich muss mein Sicherheitskonzept auf die Batterien auslegen, die Brandschutzvorgaben einhalten und mit dem Gebäudeversicherer sprechen. Die Ladeplätze müssen entsprechend eingerichtet werden, die Mitarbeiter geschult und die Unterweisungen aktualisiert. Das gilt in kleinerem Umfang auch für Blei, aber bei Lithium sind die Anforderungen höher. Wer unbedingt eine Lithium-Batterie verkaufen will, verschweigt das gern. Lithium hat nicht nur Vorteile, man muss auch manche Gegebenheiten entsprechend berücksichtigen.
Zwischenladen gilt als großer Vorteil von Lithium. Ist das die Lösung für jeden Betrieb?
Es kann die Rechnung komplett verändern. Wer jede Frühstücks- und Mittagspause zum Laden nutzt, kommt je nach Anwendung mit einer halb so großen Lithium-Batterie über den Tag. Eine Bleibatterie verträgt das nicht, bei ständigem Zwischenladen halbiert oder viertelt sich ihre Lebensdauer. Der Haken sind Lastspitzen. Wenn in einem größeren Betrieb alle von 9 bis halb 10 Pause machen und jeder sein Fahrzeug ansteckt, steigt der Strombedarf in dieser halben Stunde enorm. Dann müssen zum Beispiel die Pausen versetzt werden, oder ein Batteriespeicher fängt die Spitzen ab. Solche Speicher planen und bauen wir in unserem Bereich Energielösungen. Das schauen wir uns im Einzelfall genau an.
Gibt es einen typischen Moment, in dem Kunden merken: Für uns ist Lithium die bessere Lösung?
Meistens, wenn es um Zwei- oder Mehrschichtbetrieb geht. Eine Standard-Bleibatterie aus dem Flurförderzeug braucht realistisch fünf bis sieben Stunden zum Laden. Im Mehrschichtbetrieb brauche ich dann zwei Bleibatterien pro Fahrzeug und muss sie wechseln. Damit habe ich die doppelte Investition und bin preislich gar nicht mehr weit von Lithium entfernt. Dazu kommt die Zeit für den Batteriewechsel. Währenddessen stehen mir weder das Fahrzeug noch der Mitarbeiter zur Verfügung. Kann ich das mit Zwischenladen einer Lithium-Batterie lösen, bin ich schnell deutlich wirtschaftlicher unterwegs. Vorausgesetzt, es ist im jeweiligen Umfeld technisch machbar.
Wie geht ihr vor, um die passende Lösung zu finden?
Batterien kaufen kann man theoretisch fast überall. Das heißt aber noch lange nicht, dass sie zum Anwendungsfall passt. Deshalb steht bei uns die Auslegung am Anfang. Nach einem ersten Telefonat schaue ich mir größere Flotten gern vor Ort an. Dort klären wir, wie viel Ladezeit zur Verfügung steht und welche Steckdosen es gibt. Batterie und Ladegerät legen wir immer gemeinsam aus. Eine große Batterie, die über Nacht lädt, kommt mit einem leistungsschwachen Ladegerät aus. Um eine Batterie effektiv zwischenzuladen, braucht man dagegen einen hohen Ladestrom, und dafür fehlen am Ladeplatz oft die 63-Ampere-Anschlüsse. Selbst das Gegengewicht planen wir mit: Lithium-Batterien sind viel leichter als Blei, deshalb bauen wir Stahlplatten ein, damit der Stapler seine Tragkraft laut Typenschild behält. Muss die Ladestation noch geplant werden, bekommt der Kunde von uns eine 3D-Zeichnung. Nach der Beauftragung nehmen wir alles gemeinsam mit ihm in Betrieb.
Diese Daten braucht Simon für eine erste Empfehlung
- Schichtzeiten: Von wann bis wann sind die Fahrzeuge im Einsatz?
- Betriebsstunden pro Jahr
- Fahrzeugtyp, damit wir den Energieverbrauch berechnen können
- Aktuelle Batteriegröße
Was könnt ihr, was andere am Markt nicht können?
Wir fertigen Lithium-Batterien nach Kundenwunsch, und zwar ab Stückzahl 1. Das gilt für Batterien ab 24 Volt und ab einer Kapazität von 200 Amperestunden. Trogform und Gewicht können wir komplett variieren. Bei der Ladetechnik sind wir ebenfalls flexibel: vom kleinen bis zum großen Onboard-Lader, über Wandladegeräte bis zum induktiven Laden. Das ist eher Sondermaschinenbau, und das können am Markt nicht viele so wie wir. Sobald es komplex wird, sind wir die Richtigen.
Wenn du einem überzeugten Blei-Anwender einen einzigen Rat geben könntest: Welcher wäre das?
Sich klarzumachen, was Wartungsfreiheit und lange Lebensdauer zusammen bedeuten. Es gibt keinen Mitarbeiter mehr, der das Wasserauffüllen vergisst und die Batterie dadurch zerstört. Ich muss mich um die Batterie kaum noch kümmern. Und Zeit ist Geld.
Du überlegst, deine Flotte auf Lithium umzustellen, oder willst wissen, ob sich Zwischenladen in deinem Betrieb rechnet? Simon Holdschick und unser Lithium-Team rechnen es mit dir anhand deiner Schichtzeiten und Fahrzeuge durch.
Mehr zu den Unterschieden der Zellchemien liest du in unserem Beitrag „Lithium-Batterien verstehen: Warum Lithium nicht gleich Lithium ist“.
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